Susanne Conrad

Der ‘Theoretische Armutsstreit’ als Medienereignis.

Zur Instrumentalisierung von Medien für die Selbstdarstellung

kirchlicher Institutionen im Mittelalter

 

Dissertationsprojekt

In meiner Dissertation untersuche ich Formen und Funktionen öffentlicher Kommunikation im Mittelalter. Als Betrachtungsgegenstand dient dabei der sogenannte ‚Theoretische Armutsstreit’, ein herausragendes mediales Ereignis vom Beginn des 14. Jahrhunderts. Die Armutsdebatte zwischen Papst Johannes XXII. und dem Franziskanerorden war ein theologischer Streit um die Bedeutung der Armut Christi und seiner Apostel, sie kann aber auch als ein besonders eindrucksvolles Beispiel für die Komplexität mittelalterlicher Kommunikationsprozesse gelesen werden. Das liegt vor allem daran, dass die Debatte im Rahmen der mittelalterlichen ‚Öffentlichkeit’ sowohl auf kirchlicher als auch auf politischer Ebene von zahlreichen Interessensvertretern unter massiver Zuhilfenahme aller zur Verfügung stehenden kommunikativen Möglichkeiten ausgetragen wurde. Aus diesem Grund geht die Arbeit von der These aus, dass es sich bei dem ‚Theoretischen Armutsstreit’ um das Aufeinandertreffen konkurrierender Geltungsbehauptungen sozialer Ordnungen gerade im Hinblick auf entgegengesetzte Ansprüche um Deutungsmacht handelt. In diesem Zusammenhang untersucht das Projekt, welche Funktion mediale Kommunikationsstrukturen und –techniken in der Entstehung, Herausbildung und Weiterentwicklung des Armutsstreites hatten. Eine weitere These lautet, dass die historischen Etappen des Streites Stationen innerhalb eines Prozesses weitreichender Medientransformationen entsprechen, der die unterschiedliche, kontextgebundene Verwendung von Traktaten, Glossen, Bullen, Briefen, Chroniken, Appellationen und Rundbriefen sowie Werbe- und Verteidigungsschreiben umfasst. Ziel der Untersuchung ist eine Skalierung von Kommunikationsformen, deren kontextuelle Instrumentalisierung und funktionaler Einsatz anhand des Armutsstreits systematisch untersucht werden soll.

 

Vortrag

In meinem Vortrag ist mir daran gelegen, die popularisierte, sich historisch wandelnde ‚Alterität’ des Mittelalters hinsichtlich der Rolle der Medialität innerhalb institutioneller Prozesse am Beispiel des ‚Theoretischen Armutsstreites’ aufzuspüren. Im Spektrum der Medien soll hierbei die Schrift im Vordergrund der Ausführungen stehen, deren Vorzug sich nicht nur in ihrer Materialität als technisches Speichermedium über veränderte Räume und Zeiten hinweg konstituiert. Schrift besitzt zudem Geltung, weil ihr eine Transzendenz zu eigen ist, die auf eine Instanz der Werte und Sinne verweist, die sowohl der Schöpfer der Schrift wie die Schrift selbst als Schriftliches sein kann. Der Gebrauch von Schrift trieb die Rationalisierung in den verschiedenen institutionellen Ordnungen der mittelalterlichen Gesellschaft stetig voran. Zudem stand das Anwachsen von Verschriftlichungsprozessen im 12. und 13. Jahrhundert grundsätzlich im Zeichen institutioneller Verstetigung und autoritativer Geltungssicherung. Beides soll anhand des Konfliktfalles des ‚Theoretischen Armutsstreites’ eingehender beleuchtet werden, um damit Perspektiven für die übergeordnete Fragestellung des Workshops zu eröffnen. Neben der Frage nach den Internalisierungen diverser Formen des Mediums Schrift durch soziale Ordnungen im Streit, neben der Frage nach der Mediengebundenheit institutioneller Prozesse und der Frage nach der Institutionalität der Medien wird ebenso die Frage nach der mittelalterlichen ‚Öffentlichkeit’ wie auch die Frage nach der ‚Rationalität’ des Mittelalters Gegenstand des Vortrages sein.